Ein Beispiel Deutscher Digitalisierung

Ein schöner Anwendungsfall, um zu zeigen, was Digitalisierung in Deutschland im Jahre 2025 bedeutet, ist Einreichen einer Arztrechnung bei der privaten Krankenversicherung und Überweisung der Rechnung. Also das, was man mit jeder einzelnen Arztrechnung machen muss.
Was waren das für Zeiten, als man Arztrechnungen noch per Post bekam, und dann musste man die an seine Krankenkasse weiterschicken (auch per Post). Heute ist das alles längst digitalisiert! Kein Papier mehr, alles flutscht nur so mit wenigen Klicks durch dieses Netz. Konkret sieht das in meinem Fall so aus:
Email (PC)
- Ich bekomme eine Email von dem Dienstleister, der für den Arzt das Rechnungswesen übernimmt. In dieser Email befindet sich ein PDF. Dieses PDF ist verschlüsselt, man kann es also nur mit einem Passwort öffnen.
- Ich bekomme eine zweite Email. In dieser befindet sich das Passwort für das PDF der ersten Email. Jetzt kann ich das PDF auf meinem PC öffnen.
- In dem PDF befindet sich ein weiteres Passwort. Und ein Benutzername. Und ein Link auf ein Patientenportal.
Webbrowser (PC)
- Das Patientenportal will gar keinen Benutzername, sondern eine Rechnungsnummer. Die steht zum Glück auch in dem PDF. Ich kopiere also Rechnungsnummer und Passwort aus dem PDF in das Loginformular des Patientenportals.
- Jetzt wird mir die Rechnungsübersicht angezeigt. Irgendwo auf der Seite ist ein Link “Komplette Rechnung anzeigen”. Ich klicke drauf.
- Jetzt wird mir die eigentliche Rechnung im Browser angezeigt. Ich brauche aber die Rechnung als PDF, um diese bei meiner Versicherung einzureichen . Dazu gibt es irgendwo einen mini-Button, der die Rechnung herunterlädt. Ich speichere also lokal die Rechnung (als PDF) auf meinem PC. Jede Rechnung, die man so runterlädt, hat den praktischen Namen
document.pdf.
Anmerkung: Es mag sein, dass es möglich ist, die bisherigen Schritte alle auf dem Handy auszuführen. Dann hat man jetzt die Rechnung als PDF auf dem Handy gespeichert. Ich stelle mir das unfassbar unhandlich vor (falls es überhaupt geht), aber ich will nicht ausschließen, dass es Leute gibt, die sich das antun.
- Um Rechnungen bei meiner Krankenkasse einzureichen gibt es nur eine App für das Handy. Per Webbrowser geht das nicht. Mobile First! Ich muss also das PDF irgendwie von meinem PC auf mein Handy bekommen. Dazu schicke es mir selbst mit der Desktop App von Signal.
Handy
- Ich öffne Signal auf meinem Handy.
- Die PDF-Rechnung speichere ich via Signal auf meinem Handy ab.
- Ich öffne die App meiner Versicherung (via Passwort oder biometrisch).
- Jetzt kommen in der App die Schritte Einreichen → Beleg erfassen → PDF hochladen → Rechnung im Handy finden und auswählen.
- Ich vergebe einen Namen für den Beleg.
- Ich klicke auf “Einreichen”. Das wäre geschafft.
Jetzt muss ich noch die Rechnung bezahlen. Die Zahlungsdaten stehen in dem PDF der Rechnung. Netterweise steht dabei ein passender QR-Code, den ich mit der App meiner Bank einscannen kann. Dann muss man die ganzen Kontodaten nicht per Hand abtippen oder aus dem PDF herauskopieren.
- Ich öffne die App meiner Bank (mittels Passwort oder biometrisch).
- Ich öffne das PDF der Rechnung auf meinem PC.
- Ich mache ein Foto mit meinem Handy von dem QR Code der Rechnung, die auf meinem Monitor angezeigt wird.
- Ich veranlasse die Überweisung in der App.
- Ich muss die Überweisung mit einer weiteren App meiner Bank bestätigen (mittels Passwort oder biometrisch).
- Ich habe bezahlt.
Zusammenfassung
In der groben Kategorie “Applikationen” wurden diese benötigt:
- Emailprogramm (PC)
- Dateimanager (Explorer / Finder) (PC) (also wo speichere ich Dateien und wie finde ich die wieder)
- PDF Reader (PC)
- Webbrowser (PC)
- Signal (PC)
- Signal (Mobil)
- Dateimanager (Mobil)
- Krankenkassen App (Mobil)
- Bank App 1 (für die Überweisung)
- Bank App 2 (für die Authentifizierung der Überweisung)
Wenn man jede biometrische Authentifizierung auch als Passwort rechnet, waren in diesem Vorgang zudem fünf verschieden Passwörter beteiligt. Dazu kommen die obigen zehn verschiedenen Applikationen.
Nicht nur, dass dieser ganze “Prozess” unfassbar umständlich ist, er erfordert auch eine Menge an Equipment und Fachwissen darüber, wie die ganzen Applikationen funktionieren. Wesentliche Teile der Gesellschaft dürften hier nicht mehr mitkommen.
Es wird höchste Zeit, dass Digitalisierung mehr bedeutet als irgendein hingefrickelter Prozess, der ohne Papier auskommt. Wenn das Ergebnis umständlicher und wesentlich anspruchsvoller als der analoge ist, dann hat man sein Ziel verfehlt.
Man sieht hier auch, was für ein grober Unfug diese Mobile First Idee war, der alle blind nachgelaufen sind (wie jetzt beim Thema KI). Bei vielen Applikationen mag das Sinn machen, aber bestimmt nicht bei einer Rechnungsverwaltung. Ich möchte eine Vielzahl von komplexen Dokumenten wie mehrseitige A4 PDFs nicht mit einer Handyapp verwalten. Das ist toter Unfug.
Leider ist es die Regel, dass unfähige IT-Dienstleister deutschen Behörden und Unternehmen ihre katastrophale Software zu überhöhten Preisen verkaufen. Zum Leidwesen der Steuerzahler und Kunden.